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Basler Lauten Abende
Hollenweg 3a
CH-4144 Arlesheim
Zum 10jährigen Jubiläum der Basler Lauten-Abende
Basel, im August 2009
Geneigte Leserin, Geneigter Leser
Zu Beginn der 10. Saison der BASLER LAUTEN-ABENDE mögen einige Gedanken zur Philosophie und zu den Zielen der Konzertreihe als angebracht erscheinen.
Die Pionierarbeit und weiterführende Forschung in historischer Aufführungspraxis seitens von Institutionen wie der Schola Cantorum Basiliensis haben mitgeholfen, die Alte Musik als festen Bestandteil des Musiklebens zu etablieren. Doch bleibt unser Verständnis trotz florierender Konzerte und Plattenaufnahmen in gewissem Sinne auf einem provisorischen Stand: Neue Entdeckungen veranlassen uns laufend, Ansichten zu revidieren und Interpretationen neu zu gestalten. Und paradoxerweise wird einiges an bereits vorhandenem Wissen sogar durchwegs ignoriert, denn sein Nutzen wird nicht erkannt.
Genauso verhält es sich auch mit unserem Verständnis der Laute, einem Instrument, das im Musikleben des 16. und 17. Jahrhunderts eine zentrale Rolle spielte aber heutzutage in eine Nische der Alten Musik-Szene abgedrängt wird. In früheren Zeiten war ihr Status vergleichbar mit demjenigen des Klaviers im 19. und 20. Jahrhundert – und sie war ausgestattet mit einem ähnlich grossen Repertoire. Neben ihrer wichtigen Stellung als Soloinstrument, wurde die Laute auch als Begleiterin eingesetzt, allein oder als Teil eines Ensembles, in dem sie den Part anderer Instrumente verdoppeln oder ersetzen konnte. Wenn nicht genügend Sänger zur Verfügung standen, konnte die Laute für einzelne Stimmen einspringen oder sogar ein ganzes Vokalensemble ersetzen. Dieses Vorgehen wird durch eine riesige Menge erhaltener Lauten-Tabulaturen von Motetten, ganzen oder teilweise umgesetzten Messen und weiterer Vokalmusik gut dokumentiert. Die Laute war ein „Allzweckinstrument“ und viele Musiker waren auf ihr gut bewandert – auch solche, die sich nicht in erster Linie als Lautenisten betrachteten. Wir können nachlesen, was Palestrina Gugliemeo Gonzaga zur Antwort gab, als dieser fragte, wo denn seine bestellten Messen geblieben seien: Er bot an, den Teil einer Messe auf seiner Laute vorzuspielen, da er zu krank gewesen sei, um die Musik aufs Papier zu bringen. Offensichtlich war Lautenspielen also Allgemeingut.
Heute ist der Liebhaber Alter Musik sowohl mit der Singstimme als auch mit dem Cembalo vertraut. Es sind denn auch die Zeitperioden von vor 1500 (als die Vokalmusik vorherrschend war) und nach 1700 (als das Cembalo das Szepter führte) für welche die meisten Fortschritte in der Musikinterpretation gemacht wurden. Und es ist zu erwarten, dass die Musik aus der Zeitspanne 1500-1700 so lange nicht vollständig verstanden oder überzeugend aufgeführt werden kann, bis dem Lautenrepertoire voll Rechnung getragen wird – so wie auch den stilistischen Lauten-Eigenschaften, die sich in mancher Hinsicht von denjenigen des Cembalos unterscheiden.
Um diese Gewichtung der Laute nicht als übertrieben erscheinen zu lassen, mag der Hinweis dienen, dass Kenntnisse auf diesem Instrument in der untersuchten Zeitperiode nicht nur einer ausgewählten Gesellschaftsschicht vorbehalten waren. Die Laute bestritt einen wesentlichen Teil des damaligen Kulturlebens und wurde in vielen Häusern gespielt. Zu ihren zahllosen Anhängern gehörten auch solche grossen Geister wie Galileo Galilei und René Descartes.
Galileo spielte die Laute bis zu seinem Todestag – wobei sein Ton im Rufe grosser Schönheit stand – und verwendete sie in einiger seiner Experimente. Auch René Descartes war nicht abgeneigt das Instrument zur Belegung seiner Theorien einzusetzen: In Briefen an Marin Mersenne und Lazarre Meysonnier mutmasste er gar, dass das Gedächtnis eines Lautenisten teilweise in dessen Handmuskeln zu verorten sein könnte. Aber diese beiden Lauten-Begeisterten waren nicht alleine. In allen Gesellschaftsschichten gab es eifrige Lautenspieler. Die Maler Giorgione und Jacob Jordaens – letzterer ist in allen dreien seiner Familienportraits mit der Laute in der Hand abgebildet – spielten und malten das Instrument offenbar gleich gern. Auch Monarchen erlagen ihrem Zauber. Henry VIII und Königin Elizabeth I führten ihre Lautenkünste liebend gerne sowohl Höflingen wie auch Botschaftern auf Besuch vor.
Noch im Jahre 1701, als die Laute nicht mehr auf der Höhe ihrer Popularität stand, hiess es im „Schlüssel zu den Schätzen der grossen Musikkunst“ (Prag), es gebe „in jedem Haushalt so viele Lauten, dass man behaupten darf, sie würden ausreichen, damit die Dächer von vielen grossen Palästen zu decken“. Das ist gewiss eine Übertreibung, doch gibt es uns eine Ahnung vom Status dieses Instruments, selbst als die Beliebtheit des Cembalos schon im Begriff war, zu wachsen.
Unser Ziel besteht also darin, der Laute wieder zu ihrer wichtigen Position im Musikleben zu verhelfen, indem wir ihr Repertoire bekannter machen. Auf diesem Weg kann hoffentlich auch eine Aufwertung der übrigen Musik aus dieser wunderbaren Zeitspanne erreicht werden.
Ganz im Sinne dieses erhabenen Ziels stammt die Musik der diesjährigen Konzertserie strikte aus dem Zeitrahmen des 16. und 17. Jahrhunderts.
Das erste Konzert beleuchtet die Verwendung der Laute in der Volkskultur des frühen 16. Jahrhunderts in einem Programm mit Balladen und Theaterliedern, aufgeführt vom Ensemble „Pantagruel“. Der Auftritt dieser Künstlergruppe vor zwei Jahren an diesem Ort war ein grosser Erfolg. Es kommt selten vor, dass sich das Basler Publikum zu Standing Ovations hinreissen lässt, aber bei dieser Gelegenheit machte es eine Ausnahme und verlangte vier Zugaben.
Das zweite Konzert präsentiert Dame Emma Kirkby und Anthony Bailes, die wohl beide keiner weiteren Vorstellung bedürfen. Ihr erster Auftritt in Basel 1975 erweckte nur wenig Aufmerksamkeit. Seither ist Emma Kirkbys internationaler Ruhm stetig angewachsen und ihr Singstil hat unsere Auffassung von früher Vokalmusik radikal verändert. Am Januarkonzert wird ein Repertoire von vier Liedkomponisten aus dem frühen 17. Jahrhundert aufgeführt: Cuilio Caccini, Henry Lawes, Robert Johnson und Sebastian le Camus.
Zum Abschlusskonzert wird Hopkinson Smith, bekannt als Konzertmusiker und als Lauten-Professor an der Schola Cantorum Basiliensis, Lautenmusik von Francesco da Milano und Vihuelamusik von Luys de Milan spielen.
1636, als die Laute auf dem Höhepunkt ihrer Beliebtheit stand und als vollkommenstes aller Instrumente galt, schrieb Marin Mersenne in seiner „Harmonie Universelle“: “ Ein Lautenist kann all das machen, was er mit Hilfe seines Instruments möchte. Er wird zum Beispiel die beiden mittleren Proportionalen, die Verdoppelung des Würfels, die Quadratur des Kreises, das Verhältnis der Bewegungen aller Himmel und ihrer Gestirne, das der Geschwindigkeit von Steinen, die herabfallen, und tausend andere Dinge mit Hilfe der Töne und Melodien seines Instruments darstellen können.“ Wie Thurston Dart ironisch bemerkte, könnte allerdings „mit solchen Anforderungen konfrontiert, sogar eine Rechenmaschine kapitulieren“.
Auf Wiederhören!
Ihre Basler Lauten-Abende
